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Eine Frühgeburt verarbeiten

Seit Jahren kommen in Deutschland 9-10 % aller Kinder viele Wochen zu früh auf die Welt. Trotz intensiver Forschung ist es der Medizin nicht gelungen, die Zahl der Frühgeburten zu reduzieren. Sie sieht ihre Möglichkeiten inzwischen als ausgereizt. Beobachtungen aus der bindungsorientiert arbeitenden psychologischen Praxis können neue Wege weisen.  

Die Erinnerung an die Geburtssituation kann das Trauma triggern

Warum ist mir dieses Thema wichtig?


Nein, ich selbst habe kein Kind zu früh geboren. Das ist nicht der Grund, warum ich mich für das Thema Frühgeburtlichkeit engagiere. Es liegt daran, dass mich in den letzten Jahren immer mehr Frauen mit einer Frühgeburtserfahrung in meiner Praxis aufsuchen, um ihr Erlebtes nachzuarbeiten.

Als Diplompsychologin mit dem Spezialgebiet Vorgeburtliche Lebenszeit, Schwangerschaft und Geburt bin ich Ansprechpartnerin für die seelischen Anliegen von Frauen vor, während oder nach ihrer Schwangerschaft.
Vor 15 Jahren habe ich mich von Jenö Raffai und György Hidas, den Begründern der Methode der vorgeburtlichen Bindungsanalyse, ausbilden lassen. Seit dieser Zeit wende ich, als erste Bindungsanalytikerin Deutschlands, diesen Ansatz bei meiner Arbeit an und habe dabei einen großen Erfahrungsschatz sammeln können.

Das Angebot nehmen vor allem Frauen an,

  • die sich durch ihre Vorerfahrungen stark belastet fühlen,
  • gesundheitliche Probleme in der Schwangerschaft haben oder
  • die Beziehung zu ihrem ungeborenen Kind vertiefen möchten.

Obwohl die überwiegende Anzahl der Schwangeren belastet ist, entbinden weniger als 9-10 % der Frauen vorzeitig. Diese Beobachtung wird auch von anderen geteilt, die Schwangere bindungsorientiert begleiten.
Möglicherweise ist dies nur ein Zufall, vielleicht aber auch nicht.

 

Einblick in die Herausforderungen von Frühchen-Müttern


Lange Zeit lag mein Schwerpunkt auf der Begleitung belasteter Schwangerschaften, doch seit einiger Zeit finden immer mehr Frauen zu mir, deren Schwangerschaft in einer Frühgeburt endete und die nun nach Hilfe suchen. Über sie habe ich Einblick erhalten, was es bedeutet, eine Frühchen-Mutter zu sein. Wie Frühchen-Mütter sich fühlen, wenn die Geburt viel zu früh einsetzt. Wie es ist, von jetzt auf nachher Mutter zu sein. Wie sie die Trennung von ihrem Kind erleben. Wie sie sich abmühen müssen, um ihren Brüsten ein paar Milliliter Muttermilch abzutrotzen, damit sie das Gefühl haben können, wenigstens etwas für ihren Winzling tun zu. Wie das Vertrauen in den eigenen Körper verloren geht und sich stattdessen Wut auf ihn entwickelt. Wie sie sich um ihre Babys sorgen und um deren Leben bangen. Sie versuchen aufrecht zu bleiben, zu funktionieren und keine eigenen Bedürfnisse zu haben, um das fragile Gebilde Familie nicht weiter zu destabilisieren.

 

Schwerer Start für Frühchen-Eltern


Die Belastung durch eine Frühgeburt ist extrem hoch und Mütter leiden oft Jahre danach noch unter dem Geschehen, selbst wenn es ihren Kindern gesundheitlich längst gutgeht. Eine verfrühte Geburt wird oft als traumatische Erfahrung erlebt: Da ist die Schwangerschaft, die nicht zu Ende gelebt werden konnte. Sie hinterlässt bei den Müttern ein Gefühl von „aus der Schwangerschaft gefallen zu sein“, denn eine Schwangerschaft ist nicht nur für das Baby eine Zeit der Entwicklung, sondern auch für seine Eltern. Kommt das Baby zu früh, sind Körper und Seele der Frau noch unzureichend auf die Veränderungen vorbereitet, die eine Geburt mit sich bringt. Das macht den Start nicht nur für das unreife Baby schwer, sondern ebenso für seine Eltern. Auch die plötzliche Trennung vom Baby, das nach der Geburt anstatt bei seiner Mutter nun unzugänglich in einem Brutkasten liegt, macht Müttern schwer zu schaffen. Wenngleich Eltern einsehen, dass dies wichtig ist, trifft es ihre Elternseele bis ins Mark.

Elterliche Kompetenz zu entfalten ist sehr schwer, wenn die Bedingungen, sich mit dem Kind vertraut zu machen, so voller Hindernisse sind. Zu den vielen Sorgen und Ängsten um die Gesundheit und das Überleben des Kindes kommen häufig noch eigene gesundheitliche Probleme hinzu. All dies und oft noch viel mehr muss durchlebt und verarbeitet werden. Hierbei brauchen die meisten betroffenen Eltern Unterstützung, die sie bisher noch nicht in ausreichendem Maß erhalten.

 

Die Notwendigkeit von Unterstützung


Anders als auf der Kinderonkologie hat sich auf der Neonatologie bisher noch kein psychologisches Betreuungsangebot etabliert. Entsprechend wenig selbstverständlich erhalten Eltern vorzeitig geborener Kinder psychologische Hilfe oder Unterstützung. Wie aus der Bindungsforschung bekannt ist, erschweren psychische Belastungen den Bindungsaufbau zwischen Eltern und Kind deutlich und dies kann nachhaltige Folgen für die kindliche Entwicklung haben. Bei Frühchen bedeutet dies neben einem erhöhten Risiko für körperliche und kognitive Folgeschäden, auch ein erhöhtes Risiko für psychische Probleme im späteren Leben. Viel Verantwortung für Eltern, die selbst schwer tragen müssen. Was kann ihnen Entlastung bringen?

 

Meine Erfahrungen aus der Praxis


Eine Frühgeburt ist eine Krisensituation, für die es keinen Notfallplan gibt. Sie trifft die Eltern unvorbereitet und hart. Es ist wenig verwunderlich, dass die meisten Mütter und Väter das Gefühl haben, keine Kontrolle mehr über das Geschehen und ihre Autonomie verloren zu haben. Wie lässt sich die Kontrolle wieder zurückgewinnen?

  • Ein erster Schritt ist, herauszufinden, welche Situationen die Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit ausgelöst haben.
  • In Anlehnung an die Befunde aus der Bindungstheorie suche ich anschließend gemeinsam mit der Mutter nach den Bedürfnissen oder Wünschen, die nicht befriedigt werden konnten.
  • Über Imaginationsarbeit werden diese in einem dritten Schritt ergänzt und dadurch als Ressource verfügbar.

Dieser Ansatz richtet seinen Fokus auf Aspekte wie Nähe, Beziehung, Verbindung und Interaktion und er entspricht dem Bedürfnis vieler Frauen nach dem Einbeziehen von seelischen Momenten. Stück für Stück kann die verloren gegangene Kontrolle zurückkehren. Da dieses Vorgehen wie eine Technik erlernt werden kann, wachsen gleichermaßen die Autonomie und das Gefühl von Sicherheit und Zuversicht. Das ermöglicht einen anderen Umgang mit den Ängsten und Sorgen, die bei einer Frühgeburt selten ausbleiben. Das Schöne an diesem Vorgehen ist, dass er nicht nur nebenwirkungsfrei ist, sondern auch Freude bereitet und die Seele wieder zum Blühen bringt. Eine Klientin, selbst Frauenärztin, äußerte sich über diese Arbeit so:

„Ihr Ansatz ist völlig abgefahren und er kollidiert mit meiner schulmedizinischen Ausbildung, doch er fühlt sich sooo richtig an. Es hat mein Denken vollkommen auf den Kopf gestellt, aber mir geht es nun viel besser.“

 

Aussicht


Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass es sich lohnt, das Thema Frühgeburtlichkeit zusätzlich aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten als ausschließlich aus dem der Medizin. Mit einer interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen allen Berufsgruppen, die am Geschehen beteiligt sind, ließen sich neue Wege der Begleitung betroffener Eltern 
erschließen.
Eltern müssen sie in die Entwicklung der Hilfsangebote einbezogen werden, denn sie sind Fachleute in eigener Sache und sie wissen am besten, was ihnen hilft und gut tut. Die Aufgabe der Professionellen ist, dies aufzugreifen, in die Begleitung zu integrieren und möglichst allen betroffenen Eltern zugänglich zu machen. Dass dies gelingt, ist mir ein echtes Herzensanliegen.

 

 

 

Welt-Frühchen-Tag

 

Welt-Frühchen-Tag

 

Rund um den Globus wird am 17. November auf die Probleme und Risiken der Frühchen für ihre weitere Entwicklung aufmerksam gemacht. Bundesverband „Das frühgeborene Kind“

Doch nicht nur an die Allerkleinsten sollte gedacht werden, sondern auch an die Mütter und Väter, die das Trauma der frühen Geburt oft über Jahre in sich tragen und dennoch versuchen, gut zu funktionieren, um das Beste für ihr Kind oder ihre Kinder zu erreichen.

Nicht immer ist eine zu frühe Geburt ein plötzliches Ereignis.
Oft kündigt sie sich an, mit vorzeitigen Kontraktionen, einer Infektion oder einem sich langsam verkürzenden und sich öffnenden Muttermund.
Dann bleibt vielleicht noch etwas Zeit, das Baby noch ein wenig zum Bleiben zu überreden. Meist werden die Mütter hierzu stationär aufgenommen, um mit einer Tokolyse die vorzeitigen Wehen in den Griff zu bekommen, mit einer Antibiose die Infektion, und mit einer oder mehreren Lungenreifungsspritzen für eine forcierte Reifung von Babys Atmungssystem zu sorgen.

Doch trotz dieser bewährten Interventionen und aller anderen medizinischen Bemühungen, ließ sich die Zahl der Frühgeburten in den letzten Jahren nicht senken.

Spannenderweise scheinen Mütter, die während ihrer Schwangerschaft eine bindungsorientierte Begleitung hatten, ihr Baby nur sehr selten zu früh zur Welt bringen (z.B. Mutter-Kind-Bindungsanalyse).

Vielleicht wäre es an der Zeit, nicht ausschließlich auf die medizinischen Aspekte von Frühgeburtlichkeit zu fokusieren, sondern zu versuchen, Mama und Baby, als Gegengewicht zu all der Angst und all den Sorgen, schon vor der Geburt miteinander in eine liebevolle Verbindung zu bringen, die stabil ist und beide zusammenhalten lässt wie ein Team.

Eine solche Begleitung würde Müttern und Vätern guttun, denn sie könnten eine Kompetenz bei sich erkennen, derer sie sich zuvor vielleicht nicht so bewusst waren. Es stärkt die Seele, wenn man sie spüren lässt, dass sie selbst in der Not Gutes zu leisten vermag.
Auch für das kleine Baby im Bauch wäre es ein Gewinn, denn seine Umgebungsbedingungen wären dann nicht mehr vorrangig von Angst und Sorgen geprägt, sondern stärker vom Gefühl der Geborgenheit und der Liebe.

Und selbst wenn das Baby dann zu früh käme, bestünde schon ein stabiles emotionales Band zwischen Mama (Papa) und Baby, so dass nach der Geburt hieran angeknüpft werden kann.
Mutter (Vater) und Kind könnten gestärkt und mit liebevolleren Voraussetzungen in die schwierige Zeit starten, die dann vielleicht nicht mehr dieses Ausmaß an Leidenspotenzial in sich trägt wie bisher.

Mehr Infos zum Welt-Frühchentag beim Bundesverband „Das frühgeborene Kind“ e.V.

Mehr Infos zur Bindungsanalyse unter www.bindungsanalyse.de

Wenn Sie selbst betroffen sind und Unterstützung suchen, können Sie hier Hilfe finden.